Ursachen

Nachdem lange Zeit Thesen zur Psychogenese der autistischen Störungen domi­nierten, forscht man in den letzten Jahren intensiv nach biologischen Ursachen. Die Beteiligung und Wechselwirkung insbesondere folgender Faktoren wird diskutiert:

Sehr wahrscheinlich spielen Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen eine führende Rolle. Entsprechende Hinweise findet man bei rund 60% der autisti­schen Kinder, wobei die Ergebnisse unterschiedlich sind in bezug auf Entste­hungszeitpunkt, Lokalisation und Schwere der Störung. Verhältnismäßig häufig sind Geburtskomplikationen wie z.B. Sauerstoffmangel bei der Geburt. Autistische Kinder zeigen schon im Säuglingsalter neurobiologische Besonderheiten wie Stö­rungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Essstörungen, abnormes Schreien, Störun­gen der Ausscheidungsfunktionen, Übererregbarkeit usw.

Für die Bedeutung genetischer Faktoren sprechen u.a. Familien- und Zwillings­studien. In diesem Zusammenhang wird auch diskutiert, ob die autistische Stö­rung als solche oder ihre Komponenten vererbt werden, etwa dispositionelle Faktoren der kognitiven, sprachlichen oder emotionalen Störungen. Molekularge­netische Untersuchungen haben bereits bestimmte Gen-Orte, die für die Verursa­chung des frühkindlichen Autismus maßgeblich sein können, wahrscheinlich ge­macht. Daraus geht hervor, dass der frühkindliche Autismus als polygene Störung (Beteiligung mehrerer Gene) angesehen werden muß.

Es liegen Befunde zu biochemischen Besonderheiten vor, die aber noch unein­heitlich und daher schwer zu beurteilen sind.

Gegen die lange Zeit als zentral angenommene Bedeutung von Störungen der emotionalen Entwicklung als Ergebnis einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung – z.B. aufgrund einer unbewußten Ablehnung durch die Eltern – sprechen u.a. die von Geburt an bestehenden neurobiologischen Besonderheiten. Auch unter­scheiden sich die Eltern autistischer Kinder in ihrer Persönlichkeit oder ihrem Verhalten nicht von Eltern gesunder oder z.B. geistig behinderter Kinder. Viel­mehr weisen die Befunde darauf hin, dass die Störungen des Kindes sich umgekehrt auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken.

Es scheint immer eine Störung der Wahrnehmungs- bzw. Informationsverarbei­tung zu bestehen, deren genaue Eigenart und Ursache allerdings noch weitge­hend unbekannt ist. Ein derartiges Defizit beeinträchtigt das Umwelterleben und die Beziehung zu sich selbst anders und schwerwiegender als z.B. der Totalaus­fall eines Sinnesbereiches. Das autistische Kind versteht einen Großteil der inter­nen und externen Reize nicht, insbesondere die sehr komplexen Informationen im affektiven und sozialen Bereich, und fühlt sich wie in einer fremden, chaotischen Welt. Es schützt sich vor diesen Überforderungen einerseits passiv durch selek­tive Aufnahme der Umweltreize und hält andererseits z.B. durch stereotypes Ver­halten die eigene überschaubare Welt aktiv aufrecht. Änderungen seiner Umwelt machen immer wieder neu Angst und stellen schwer lösbare Probleme dar. Spontane Lern- und Entwicklungsprozesse wie bei gesunden Kindern finden so kaum statt.


Trotz vielfältiger Einzelergeb­nisse hat die Ursachenforschung bislang nicht zu allgemein verbindlichen Ergebnis­sen geführt. Insgesamt weisen die Befunde auf ein Zusammenwirken mehrerer Fakto­ren bei der Entstehung autistischer Störungen hin. Autismus wird als vorwie­gend vom Verhalten her definiertes Syndrom mit einer Vielzahl zugrundeliegender Ursachen gesehen, die im einzelnen noch nicht hinreichend bekannt sind. Als pri­märe Ursache ist eine biologische bzw. hirnorganische Basis anzunehmen, während Umwelteinflüsse für den Verlauf von Bedeutung sind.