DPA-Kindernachrichten, Christiane Löll zum Thema Autismus
Manches fällt schwer, manches leicht: Erik ist Autist
Hamburg (dpa) – Erik sitzt an seinem Maltisch im Spielzimmer und malt
ein Riesenbild voller Rohre, Schläuche und technischer Geräte. „Das ist
ein Stromgenerator, der macht den Strom“, erklärt der Sechsjährige.
Voller Details ist das Bild. Erik interessiert sich leidenschaftlich für
Elektrizität und hat schon hunderte solcher Bilder gemalt. Außerdem kann
er so gut rechnen wie Kinder aus der dritten und vierten Klasse – obwohl
Erik noch gar nicht in die Schule geht. Erik hat ein paar besondere
Begabungen und Interessen. Und das ist typisch für einen Jungen wie ihn:
Er hat eine Erkrankung, die man Autismus nennt.
Als Erik noch nicht zwei Jahre war, hörte er auf einmal auf zu sprechen,
berichtet seine Mama Anabel Conargo. Vorher hatte er als erstes Wort
„Atemschutzgerät“ gesagt. Ihm war alles zu laut und zu aufregend. Die
Familie konnte nicht einkaufen gehen, weil Erik dann weinte und schrie.
Sobald etwas ungewohnt war, zum Beispiel wenn der Nachbar den Rasen
mähte, bekam Erik einen Wutanfall. Er schaute niemanden mehr in die
Augen, auch seiner Mama nicht. Außerdem mochte er nur noch knusprige
Sachen essen. Seine Eltern gingen schließlich mit ihm zum Arzt. Der
sagte ihnen dann, dass Erik eine Form von Autismus hat.
Aber was ist das eigentlich genau? Die Fachleute sprechen von einer
„tiefgreifenden Entwicklungsstörung“. Gemeinsam ist den Kindern, dass
sie Schwierigkeiten mit anderen Menschen haben. Sie wiederholen oft die
Worte, die jemand sagt, reagieren aber nicht auf Fragen oder Bitten. Es
fällt ihnen schwer zu verstehen, ob jemand sich freut oder ärgerlich
ist. Manche von ihnen – so wie Erik – können früh rechnen, lesen und
schreiben oder sind sehr musikalisch. Dafür spielen sie selten mit
anderen Kindern. Und wenn sie spielen, dann sortieren sie vielleicht
immer nur Dinge nach Größe oder Farbe. Das kommt im Kindergarten und in
der Schule vielleicht nicht immer so gut an.
Eriks Mama und Papa haben dann überlegt, wie sie Erik helfen können.
Beide, vor allem Eriks Mama, hat jeden Tag viele Stunden mit ihm geübt.
Gesichter nachmachen, wie weinende oder lachende Gesichter. Lernen, wie
man tröstet. Sprechen üben, und, und, und.
„Gerade lernen wir zum Beispiel, wie andere Kinder mit einer Ritterburg
spielen. Geschichten über Prinzessinnen und Rittern eben“, sagt seine
Mama. „Von alleine würde er nicht auf die Idee eines Rollenspiels
kommen.“ Erik geht nun seit einigen Jahren in einen Kindergarten. Dort
ist er das einzige Kind, das Autismus hat.
Das viele Üben hat Erik wirklich geholfen. Mit seinen tiefblauen Augen
strahlt er andere an. Auch wenn er manchmal wie in Gedanken wirkt,
antwortet er auf Fragen. Er liebt Verstecken spielen und war einige Tage
mit auf Kindergartenreise. Seine Mama freut sich, wenn er ihr auch mal
andere Bilder malt als solche mit Generatoren. Es ist aber auch klar,
dass der Autismus nicht weggehen wird und Erik immer ein wenig anders
bleiben wird. Was Erik später einmal werden will? Für ihn ist das
gerade ganz klar: „Ich will Elektriker werden, denn die kennen sich mit
Strom aus.“
Wie kann man autistischen Kindern helfen ?
Einfache Sätze helfen Kindern mit Autismus
Hamburg/Bremen (dpa) – In Bremen gibt es ein Institut, an dem
Autismusexperten forschen. Wie können diese Kinder lernen, im Leben klar
zu kommen? Woran erkennt man Autismus möglichst früh? Die Fachleute
haben ein Trainingsprogramm entwickelt, nach dem auch Erik mit seiner
Mama lernt. Ragna Cordes hat ihnen beigebracht, wie das geht.
Was ist wichtig für Kinder mit Autismus?
Autistische Kinder brauchen eine ganz klar strukturiertes Leben, denn
sie kommen durcheinander, wenn etwas plötzlich anders ist als sonst.
Außerdem darf man nur in einfachen, klaren Sätzen mit ihnen sprechen.
Bildliche Sprache wie „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen“, also
einen Witz machen, verstehen die Kinder mit Autismus nicht. Sie denken
dann, dass der Erwachsene tatsächlich auf den Arm des Kindes soll.
Kann man Autismus heilen?
Nein, vollständig leider nicht. Aber wir können versuchen, die Folgen
der Krankheit so klein wie möglich zu machen und helfen, das Leben im
Alltag zu verstehen. Das geht manchmal so gut, dass die Kinder kaum
auffallen in der Schule oder im späteren Leben. Aber besonders bleiben
sie ein Leben lang!
Was gehört zu einem Autismus- Trainingsprogramm dazu?
Man sollte so früh wie möglich - lange vor Schulbeginn - mit dem Üben
anfangen. In diesem Programm arbeiten die Eltern und studentische Helfer
30 Stunden die Woche mit den Kindern. Am Anfang lernen sie, Menschen in
die Augen zu schauen, andere nach zu machen und zu verstehen, dass Lob
etwas Schönes ist. Alles, was die Kinder lernen sollen, wird in ganz
kleine Schritte unterteilt und ganz oft wiederholt. Jeder Erfolg wird
begeistert belohnt. Wenn man aber nicht mit ihnen übt, machen sie nur
ihre Lieblingsdinge, und das ständig.
Kann man irgendwann wieder mit dem Training aufhören?
Es wird bei vielen Kindern mit Autismus mit der Zeit immer weniger, was
es zu trainieren gibt. Wenn die Kinder anfangen, selbständig zu lernen,
brauchen sie immer weniger Hilfe. Aber es kann immer wieder Zeiten
geben, in denen sie wieder mehr Hilfe brauchen, zum Beispiel wenn sie in
eine neue Schule kommen.
Was ist eigentlich Autismus ?
Hamburg/Bremen (dpa-Kindernachrichten) – Es gibt ganz unterschiedliche starke Formen von Autismus. Manche Kinder sprechen gar nicht, haben ein extrem starkes Interesse an einzelnen Dingen wie Bahnfahrplänen oder komplizierten Rechnungen. Sie leben komplett zurück gezogen in ihrer Welt. Dann wiederum gibt es leichtere Formen, bei denen diese Verhaltensweisen
nicht so stark vorkommen.
Gemeinsam ist den Kindern, dass sie Schwierigkeiten mit anderen Menschen
haben. Sie können Verhalten nicht nachmachen, und Gefühle der Anderen
nur schwer erkennen. Manche von ihnen bewegen sich immer wieder
auffällig, zum Beispiel wedeln mit den Händen, wenn sie sich freuen.
Oft fallen die Kinder schon im Alter von zwei oder drei Jahren auf. Sie
wachsen genauso auf wie die anderen, lernen viele Dinge auch wie andere
Kinder, und fallen aber trotzdem häufig aus der Rolle. Sie entwickeln
sich in ihrem Verhalten nicht so, wie man es von normalen Kindern
erwartet.
Woher die autistischen Störungen kommen, ist noch nicht ganz geklärt,
sagen die Fachleute. Auch ist zum Beispiel unklar, was in ihrem Gehirn
anders läuft als bei anderen Menschen. Die Experten wissen aber, dass
zumindest ein Teil der Kinder den Autismus geerbt hat. Das heißt, es
gibt auch schon andere in der Familie, die das haben. Manche von ihnen
haben noch andere Erkrankungen, wie die Neigung zu Krampfanfällen.
Sind Autisten dumm und haben keine Gefühle ?
Hamburg/Bremen (dpa) – Es gibt ein paar doofe Vorurteile, die viele
Eltern von Kindern mit Autismus immer wieder hören: „Die haben ja keine
Gefühle und sind dumm!“ Die Expertin Ragna Cordes sagt: „Beides ist
nicht wahr. Sie haben Gefühle wie alle anderen auch, aber sie können sie
oft nicht ausdrücken. Sie wirken oft versteinert und machen nicht
automatisch das passende Gesicht zum Gefühl, also beispielsweise ein
Lächeln, wenn sie froh sind. Sie können aber lernen, die Gefühle anderer
und ihre eigenen besser zu verstehen.“
„Dumm“ seien Kinder mit Autismus keinesfalls, sagt die Fachfrau. Viele
von ihnen seien normal begabt, manche sogar besonders intelligent. Ein
Teil der Kinder sei allerdings zusätzlich geistig behindert. „Man muss
ihnen beibringen, dass Lernen Spaß macht und sie weiter bringt, sonst
machen sie es nicht.“ Auch gibt es laut Ragna Cordes Kinder mit
Autismus, die in bestimmten Bereichen wie Mathe, Geographie und Musik
besonders herausragende Begabungen zeigen.
LINKS VON ZEITUNGEN
Mittelbayerische – 19.11.2010
Südthüringer Zeitung - Kinder Zeitung
Donaukurier – 19.11.2010
Reutlinger General Anzeiger – 19.11.2010
Volksfreund.de – 19.11.2010
Augsburger Allgemeine – 19.11.2010
Frankenpost – Kinderzeitung
