Erfahrungsbericht Emil 2

Die Kennzeichen waren leider seit langem sehr deutlich:

- Emil konnte keinen Blickkontakt aufnehmen.
- Er konnte nicht zeigen, nicht winken, nicht imitieren.
- Er sprach nicht und reagierte nicht einmal auf seinen Namen.
- Er hatte eine große innere Unruhe, war immer in Bewegung.
- Er konnte sich nicht konzentrieren, zeigte keine Aufmerksamkeit, hatte Ess- und Schlafstörungen. 
- Er konnte nicht altersgemäß spielen. Es gab keine Interaktion mit anderen Kindern oder uns Eltern. Seine Interessen waren Gegenstände, die sich drehten und Lampen. Er sammelte Objekte oder baute Reihen mit ihnen.
- Häufig hatte er Wutanfälle oder lachte ohne ersichtlichen Grund.

Unser Leben war bis dahin sehr anstrengend, wir konnten unser Kind nicht steuern, ihm keine Orientierung geben und kaum beruhigen, wenn er erregt war. Dabei waren wir häufig sehr unsicher, wie wir uns richtig verhalten sollten. Unsere Versuche, mit ihm zu spielen, hatten nur vereinzelt Erfolg. Ausflüge bedeuteten Stress. Freunde besuchen oder Besuch zu Hause empfangen war kaum möglich. Am schlimmsten war das Gefühl, dass wir unser Kind mehr und mehr verloren, wir in immer weniger erreichen konnten. Aber wir waren entschlossen, alles für Emil zu tun und waren bereit zu  kämpfen. Uns war etwas sehr klar: Je früher wir die richtige Therapie beginnen können, desto größer die Chancen, Emils Entwicklung entscheidend zu verbessern. 

Mitte Februar 2007 erfuhren wir durch zwei andere Familien, dass vom IFA ein Elterntrainingsprogramm für Eltern autistischer Kleinkinder angeboten wird – das BET. Ein Platz war noch frei. Plötzlich war da eine große Hoffnung. Wir hatten die Möglichkeit, schon sehr bald zusammen mit Emil mit einer bestimmten Struktur und Methode gegen seinen Autismus kämpfen zu können. Im Mai 2007 haben wir die Therapie mit Emil begonnen. Zusammen mit den Trainern haben wir vor Therapiebeginn die Ziele abgesprochen. Es gab eine Vielzahl von Zielen, aber ich persönlich hatte einen Traum:  das Wort „Mama“, von Emil zu hören. Zu Beginn des BET mussten wir alle – mein Mann, ich und vier tolle Ko-Therapeuten - viel arbeiten: 30 Stunden Therapie mit Emil pro Woche.
Die Arbeit hat sich aber sehr gelohnt. Mein Traum ist nur zwei Monate später war geworden. Wie kann ich meine Gefühle beschreiben, als Emil zum ersten Mal „Mama“ zu mir sagte? Er hat eine so schöne Stimme…  Das war nicht sein erstes Wort, er hatte vorher schon „Loch“, „Eau“ (franz. Wasser) und „Atemschutzgerät“ gesagt. Aber plötzlich begann die Sprachentwicklung wie eine Lokomotive. Heute – er ist gerade vier Jahre alt geworden - kann er deutsch und französisch (meine Muttersprache) sprechen, teilweise sogar kommunikativ. Er baut Sätze von bis zu 10 Wörtern, auch Nebensätze. Bis kurz vor der Therapie waren es nur wenige einzelne Wörter oder unverständliche Bruchstücke, so dass wir oft Angst hatten, dass Emil vielleicht nie sprechen könnte.
Nicht nur die Sprache, sondern auch sein Verhalten sowie Konzentration und Aufmerksamkeit von Emil haben sich sehr verbessert. Jetzt haben wir ein glückliches Kind, das sehr gern lernt und viel lacht. Er hat Spaß, wenn wir zusammen Therapie machen.  Emil geht seit fast einem Jahr auch in den Kindergarten, wo er mehr und mehr auch mit den anderen Kindern spielt. Häuser mit Lego bauen, Brio-Bahn bauen, malen, basteln, fangen spielen.
Er spielt sogar Fußball mit den Therapeuten und teilweise auch mit den Kindern.
Emil hat Initiative, kann  Wünsche ausdrücken („zum Geburtstag möchte ich eine Ritterburg“), scheint Phantasie zu haben, versteht einfache Emotionen und  hat ansatzweise etwas Empathie entwickelt. Seit Monaten haben wir keine Wutanfälle mehr erlebt.
Natürlich gibt es auch heute noch schwierige Situationen, er zeigt „unerwünschtes Verhalten“ und deutliche Unterschiede zu den Fähigkeiten, der Aufmerksamkeit und dem Verhalten anderer Kinder. Bestimmte Geräusche, ein weinendes Baby oder einen kaputten Lichtschalter können Emil zum Beispiel noch immer sehr irritieren.
Aber die Therapie hat uns als Eltern Sicherheit gegeben. Wir wissen, wie sein Fehlverhalten entsteht und wie wir damit umgehen können. Wir können Krisensituationen beherrschen.  Eine große Hilfe ist auch, dass Emil sprechen kann. Wir können von Emil hören, was ihn stört. Wenn wir Emil etwas sagen, versteht er es und akzeptiert es. Z.B.: „Ja, Emil, der Schalter ist kaputt, Papa wird ihn heile machen. Jetzt kannst du zur anderen Seite gucken“. 
Im Übrigen haben wir gelernt, dass es das Beste ist, Emil nicht zu häufig mit anderen Kindern zu vergleichen, sondern insbesondere auf seine eigenen Fortschritte seine individuelle Entwicklung zu schauen. Autistische Kinder gehen oft einen etwas anderen Weg.
Wir können zusammen Neues erleben. Am Anfang der Therapie war es ein Ziel mit ihm einmal eine Tasse Kaffe trinken gehen zu können. Jetzt können wir sogar im Restaurant gemeinsam essen gehen und gemeinsam Urlaub machen.
Vieles ist besser und leichter geworden. Die Fortschritte machen uns Mut. Die gewonnene Sicherheit bringt Kraft. Wir wissen: Wir  haben noch einen langen Weg vor uns. Doch der Weg ist auch das Ziel. Die Entwicklung von diesem schönen Kind mit den unglaublichen Augen ist so gut, dass viele ihm nicht ansehen, dass er autistisch ist. Erst wenn man ihn als Fremder länger und gezielt beobachtet oder ihn besser kennen lernt merkt man, dass er anders ist.